Serientäter im freien Fall

2 12 2010

Gießen | Die Gießen 46ers hatten in den vergangenen Wochen tierische Probleme. Das erste hieß „Schimmel“ – und zwar auf rotem Grund. In der schlecht absolvierten „Niedersachsenwoche“ gegen Entenhausen und Braunschweig gab es nicht nur zu wenige Punkte sondern auch eine Klatsche vom Feinsten in Quakenbrück (89:58) und eine unglückliche Niederlage gegen die „Phantoms“ in der heimischen Osthalle (70:80).
Das zweite Problem hieß „Albatros“. Die Seevögel aus Berlin kamen ohne Fans und gingen mit vielen Punkten. 80 an der Zahl gegen die 70 Punkte der Gießener. Das vierte „L“ in Folge.
Das dritte Problem hieß „Eisbär“. Entflohen irgendwo im Bremerhavener Zoo, zogen die Eisbären uns allerdings das Fell über die Ohren. Die Partie endete 79:83 aus Sicht der Gastgeber. Die Gießener stehen nun als Serientäter mit dem Arsch an der Wand.
„L L L L L“ lautet somit das Ergebnis aus den letzten fünf Spielen. Drei davon in der eigenen Halle. Als Abonnent des gelben Spielberichtbogens ist der anfängliche Höhenflug vergessen. Vielmehr fühlen wir uns wie im freien Fall zwischen Tabellenspitze und Kellergeschoss.
Und da kommen sie auch wieder. Die Stimmen aus dem Off. „Vladi raus!“ hallt es wieder in den einschlägigen Foren. „Vladi hat in erster Linie ein Problem mit seinem eigenen Ego. Er stellt seine persönlichen Befindlichkeiten über das Wohl der Mannschaft und versucht mangelnde Souveränität und Autorität mit seinem nunmehr unerträglichen Strafcoaching zu kompensieren“ so ein entnervter Fan im offiziellen 46ers-Forum. Auf den ersten Blick scheint er recht zu haben. Die Niederlagen können nicht alle etwas mit dem Fehlen von Smith zu tun haben. Die Auswechselpolitik, die wir als Laien und Halbprofis in der Halle zu sehen bekommen, ist manchmal nur schwer nachzuvollziehen. „Zack“ Peacock sitzt immer mehr auf der Bank und seine Mimik spricht mehr als tausend Worte. Peacock die nächste Generation Lischka und Tapuskovic?
Muss man einen Spieler vor 3500 Zuschauern am Feldrand anschreien? Lernt man das in der Trainerausbildung? Nein. Da ich selbst Basketball-Trainer bin, wenn auch nur mit D-Lizenz, so weiß ich aus unzähligen Lehrstunden zu „sozialer Kompetenz“, dass dies nicht der richtige Weg sein kann. Bei allem Respekt. Sachliche Kritik ist hier sicher nötig, aber natürlich keine „Vladi raus!- Parolen“ bitte.
Besonders im Spiel gegen Braunschweig und Berlin wären die Rufe „Fans raus!“ von den Spielern angebrachter gewesen. Auf jeder Beerdigung ist mehr Stimmung. Mal ehrlich – der Gießener Durchschnitts-Fan wartet inzwischen mit jeglichen Sympathiebekundungungen bis Vortänzer Ovcina dazu auffordert und seine inzwischen zur Gewohnheit gewordenen Anfeuerungen an die Fans unternimmt. Fabius sollte als Animateur mehr als ausreichen. Aber bei den Fans scheint sich eine muffelige Faulheit eingeschlichen zu haben. Die Osthalle hatte schon bessere Zeiten.
Ein Fan ist dazu da sein Team zu supporten. In guten wie in schlechten Zeiten. Niederlagen gehören dazu. Den Genotyp „Schönwetter-Fan“, dessen Population zur Zeit in der Osthalle enorm zunimmt, braucht – bis auf die Eintrittsgelder – kein Mensch. Vor allem hat es alles andere als einen positiven Effekt auf die Leistung der 46ers. Im Gegenteil.
Unser letztes Heimspiel in diesem Jahr bestreiten wir am Samstag, 4. Dezember, gegen die BG Göttingen. Eine Mannschaft deren Leistung weit über dem liegt was ihr Tabellenstand gerade aussagt – Platz 15. Mit fünf Siegen und sieben Niederlagen haben wir gerade mal einen Sieg mehr wie die Göttinger und müssen unsere verlorene Heimstärke am Wochenende endlich wieder finden.
Vergrößern wir am Samstag wieder den Kader um Einen. Verstärken wir das Team und die Tiefe der Mannschaft als „sechster Mann“. Lassen wir uns schon ab der ersten Minute einwechseln und geben wir 40 Minuten alles um unser Team zum Sieg zu führen. Auf geht’s Fans! Anfeuern und Siegen.





Mittelhessisches Tiefdruckgebiet

4 03 2010

Durch das verheerende Leistungstief „Zynismia“ sind am Wochenende erhebliche Schäden in der Basketballhochburg Gießen angerichtet worden und mindestens 3260 Hoffnungen ums Leben gekommen. Die meisten wurden von versemmelten Freiwürfen und dusseligen Ballverlusten erschlagen. Unzählige wurden verletzt. Nachdem der Spieltrieb in der Osthalle wegen des Tiefs am Samstag fast komplett stillgestanden hatte, nahmen die Spieler der LTi 46ers am Montag, etwas benommen das Training wieder auf. „Die ersten Spieler treffen wieder“, sagte ein Sprecher. Vor allem die ungedeckten Würfe aus der Zone. Die Freiwürfe und Distanzwürfe jenseits der „Schaffartzik – Linie“ sind jedoch weiter beeinträchtigt. Viele Spieler haben das erlebte noch nicht verarbeitet und brechen immer wieder weinend an der 6,25m Linie zusammen.

Ja es ist zum verrückt werden. So titelten gleich mehrere lokale Zeitungen Anfang dieser Woche nach dem Heimspiel der LTi „Fortyzitters“ gegen Braunschweig. 98 Sekunden vor Schluss lag Gießen nämlich noch mit zwei Punkten vorne (63:61). Wieder einmal ein relativ guter Auftritt der rot-weißen. Wieder gut gekämpft. Wieder am Ende knapp verloren. Herzlich Willkommen im Tiefdruckgebiet Gießen. Während viele von einer Pechsträhne und Unglück reden, lässt diese weitere Niederlage jedoch langsam ein Muster erkennen. Zehn Niederlagen in Elf Spielen und insgesamt die elfte Niederlage, bei der der Rückstand weniger als zehn Punkte beträgt.

Aber das kann man wirklich nicht mehr Pech nennen. Nein. Passendere Worte wären Fehlendes Selbstvertrauen, erzwungene Einzelaktionen, Standbasketball, Turnover und wenig System. Freiwurf was? Nie gehört. Schaffartzik schießt Dreier? Seit wann?

Hallo!? Auf welchem Planet waren die bei der EM oder letzte Saison in Gießen?
Vom säugenden Kleinkind bis zum Tattergreis mit Gehhilfe wusste jeder in der Halle, dass man Heiko Schaffartzik niemals frei an der 3er-Linie stehen lassen darf. Sogar im Vorbericht hieß es wörtlich „Heiko Schaffartzik (der Ex-46er kommt auf elf Punkte pro Spiel bei einer Dreiertrefferquote von 37 Prozent)…“ In der Osthalle kam er am Samstag auf 70 Prozent (!). Herzlichen Glückwunsch und noch mal vielen Dank an dieser Stelle.

Aber was soll man machen. Ein Wutanfall des Motivationskünstlers mit Draht zur Mannschaft vor laufenden Kameras, war da doch sehr Beispielhaft für die derzeitige Situation. Sein Kommentar nach dem Spiel, es hätte ihn verwundert, dass Heiko und Hicks offene Dreier nehmen konnten, erschreckend. Wenn es Dich schon wundert, Vladi was sollen die Fans da sagen. Ich stand mit offenem Mund und kreisrundem Haarausfall am Spielfeldrand. Aber ich distanziere mich hier von der Überheblichkeit des vermeintlichen Besserwissens. Fremdschämend und auf der Suche nach einem neuen Shampoo oder einer Überdosis Propecia werde ich diese Woche abwarten, mich von den Orkan- und Leistungstiefs dieser Woche erholen und hoffe auf einen Sieg in Paderborn. Wie jeder weiß wird es eng mit dem Klassenerhalt im Gießener Korbsport. Aber was wäre man für ein Fan wenn man jetzt die Hoffnung aufgäbe. Die Paderborner rechnen schon mit 250-300 Gießener Gästen in der eigenen Halle laut Vereinseigenem Fan-Forum. Die werden wir sicher nicht vor Ort zusammentrommeln können aber genügend Herzen werden mit dabei sein. Ob am Live-Ticker, Online Radio-Stream, Handy oder ähnlichen Medien. Wir stehen auch im nächsten Spiel wieder hinter Euch, fiebern mit, verzweifeln, jubeln. Je nach dem. Macht es uns nicht so schwer.








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